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Auszug aus ‘Orte und Tretmühlen’ (2016)
Alle Supermärkte sehen gleich aus. Viereckige Fließen sind in Neonlicht getaucht und Regale recken sich weit in die Höhe. Ganz oben steht das Exklusive und darunter lange Zahlen. Auf Augenhöhe die Ware für Otto Normal und knapp über dem Boden die Schnäppchen. Wer kein Geld hat bückt sich, verbeugt sich oder geht in die Knie. Das ist schlecht für viele Rentner. An einem Ort ein Tüten-, an einem anderen ein Schachtelquartier. Eines für Flaschen und Dosen und eines für Obst und Gemüse. Äpfel neben Birnen, Kartoffeln neben Zwiebeln und Kakis neben Papayas. Wäre ja auch komisch Pflaumen neben gelbe Rüben zu legen. Es gibt so etwas wie eine Hauptstraße. Hier läuft man in einer Richtung. Links und rechts erstreckt sich ein Netz aus schmäleren Gängen, dessen Struktur der Kartographie Manhattens oder Mannheims nahe kommt. Manchmal packt mich ein anarchisches Gefühl und Ich gehe den Weg umgekehrt. Samstagabend macht das Spass.
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Auszug aus ‘Der große Rgsh’ (2017)
(…) Der Raum ist grün. In einem giftig, aggressiven Ton gestrichen und nicht etwa in lindgrün oder türkis. Er ist grün. Vor den Fenstern ziehen rote Gitterstäbe eine scharfe Grenze zur anderen Welt und hinter dem Glas, lässt ein Brettergewirr offen, was ihm folgt. An einer Wand ist ein großer Rabe skizziert. Auf den ersten Blick scheint er bedrohlich auf einem Ast zu thronen, aber dann ist er doch zu fest an seinem Platz verankert und ruht zu sehr in sich, als das er eine Gefahr darstellen könnte. Und wer ihn lange betrachtet, stellt fest: Er ist ein Rabe von tiefster Friedlichkeit.
Auf dem Boden und über sämtliche Wände bewegen sich Spinnen. Unzählige Spinnen. Kleine grüne und nur wenig größere gelbe. Ihre Schritte werfen ein leise meanderndes, klackerndes Klanggewirr in die Luft, dass wie die Brandung sanft anschwillt und dann wieder abebbt, aber nie endet. Der Raum wabert. Es ist der Klang von sich leicht a-rythmisch bewegenden Zahnrädern, die ineinander greifen. Sie müssen Teil einer großen Maschine sein und dieser Raum ihr Zentrum. Die Spinnenkolonnen wirken unorganisiert. Dann aber zeigen sich Wege und Strukturen in ihren Bewegungsmustern, Winkel und Kurven, Formeln und Zahlen. Sie fügen sich zu Kombinationen zusammen, die alle Ecken und Nischen durchkreuzen. Die gelben Spinnen folgen einem Weg, die grünen einem anderen. Dabei ergänzen sie sich. Keine gleichfarbige Verknüpfung für sich hätte ohne die andere einen Sinn.
Mit der Zeit erkennt sie das Spektrum der Nachricht. Es ist alles Wissen. Es ist das Wissen der Menschheit, es ist das Wissen des Grases, es ist das Wissen der Schnecken, es ist das Wissen der Kiesel, es ist das Wissen des Magma, es ist das Wissen des Kerns, es ist das Wissen der Erde. Kein Buch und keine Studie könnten es wiedergeben, denn es würde weder in ein Buch, noch in eine Studie passen. Alles ist mit allem verbunden. Nichts steht nur für sich. Sie liest immer weiter und ist begeistert von der Komplexität einerseits und der einfachen Beschaffenheit und Logik andererseits. Sie will es einfangen und nie wieder vergessen. Will es übersetzen und Worte dafür finden. Für sich und für die Menschen, die sie mag, oder kennt. Und eigentlich für alle Menschen. Denn sie denkt, wenn diese verstünden, was sie nun weiß, wäre alles Ungute in die Vergangenheit verbannt. Jeder Sinn ist gegeben und seine Schönheit so überwältigend, dass Niemand mehr brauchen würde, als eben dieses Wissen.
Um dieses aber zu konservieren, muss sie die sich stetig weiterbewegenden Zahlenkonstellationen lückenlos auffassen und wiedergeben können. Wenn sie in der linken Ecke zu lesen beginnen würde, müssten beide Augen auf diesen Punkt gerichtet sein, danach das rechte Auge der ersten Zahl folgen, während ihr anderes auf den Startpunkt fixiert bliebe. Dadurch würde sich der Blickwinkel stetig erweitern und sie müsste nur alle Zahlen, die sich zwischen diesen zwei Punkten ansammelten im Blick behalten. Das sollte funktionieren, denkt sie sich.
Just als sie beide Augen auf das linke Eck richtet, fährt ihr ein lautes, lustvolles Stöhnen durch die Ohren, unter die Haut und in ihre Knochen. Sie ist nicht alleine im Raum. Um ihr Bett stehen noch viele weitere Betten und überall wird gevögelt. Manchmal wechseln Menschen von einem Bett ins andere. Manchmal mehrere. Knarzende Lattenrostlatten, schlabbernde Zungen und entzückte Schreie aus jeder Richtung. Der Lärm übertönt den Rythmus der Spinnenschritte. Sie versucht sich zu konzentrieren, aber das Durcheinander hat die Spinnen verschreckt. Grüne und gelbe rennen wild durcheinander.
Sie hat alles erkannt und jetzt droht ihr, dass sie all das wieder verliert. Bleiben würde allein die Erinnerung an den Verlust. Sie ist panisch. Sie weiß, es ist unangebracht, etwas zu sagen, aber was soll sie tun? Und so spricht sie ins Gelage, ohne sich an einen bestimmten Menschen zu wenden: „Hallo! Äh… Entschuldigung bitte…“ Alle Blicke richten sich auf sie. Hohle, geile Blicke. Nicht wirklich fragend, nicht wirklich neugiereig. Auch nicht ablehnend, oder bösartig. Nur hohl und geil. Und als wäre nichts gewesen, wenden sie sich wieder ab und gleiten ineinander. (…)